Berlinale 2015 – Festivaltagebuch

Puh, kommt gerade vom Festival zurück. Irre viel losgewesen, die ganze Nacht durchgefeiert. Alle stinken wie ein Iltis. Campen, Allohol, Party Party Party. Gott sei dank, sind diese Zeiten vorbei.

Sueñan los androides | Androids Dream @ Delphi Filmpalast
File under: Kunst

Basierend auf einem Essay von irgendwem spielt der Film im Jahr 2052 auf der Erde in Benidorm, ein Ort, der in den Nebensaison wohl so leer ist, wie die Erde in 2052. Menschen jagen wie Menschen aussehende Androiden, vielleicht jagen auch wie Menschen aussehende Androiden Menschen – spielt keine Rolle. In langen stillen Bildern – Fotobuchähnlich – soll einem die Einöde von Benidorm näher gebracht werden, der Funken springt nicht über. Da habe ich schon Fotos von Benidorm gesehen – auf einer meiner Ausstellungen – die waren besser, erzählender, spannender als dieser langweilige Film. Ja, das Budget war klein, es war wohl Kunst, aber wer einen Film dreht, sollte etwas zu erzählen haben und sich nicht davor scheuen. So wurden die 3 Minuten Geschichte auf 60 Minuten gestreckt. Ich war aber ohnehin recht müde.

Nasty Baby @ Cubix
File under: schwul

Am Ende des Festivals mit einem Teddy Award ausgezeichnet. Ein schwules Pärchen will einer lesbischen Freundin den langersehnten Kinderwunsch erfüllen. Der Film ist luftig und leicht, moralisiert und thematisiert diese Themen nicht, sondern nimmt sie als normal hin. Konflikte und Akzeptanz des Umfelds. Und dann irgendwann der Knick. Und ich noch eine Stunde später mit Herzrasen längst wieder zu Hause. Mich hat der Film gepackt. Eben auch, weil die Leichtigkeit viel zu schnell weg sein kann und man in so kurzer Zeit Entscheidungen treffen muss, die den Rest des Lebens beeinflussen können. Gutes Thema, gut angegangen und umgesetzt. Spannend dann auch noch. Sowas mag ich an der Berlinale.

Der Geldkomplex (El complejo de dinero) | Der Geldkomplex (The Money Complex) @ Delphi Filmpalast
File under: ja was eigentlich 

Basierend auf einem deutschen Essay. Kommune, Antikapitalismus, Geldsorgen, Liebe, Betrug. Wein, Weib und Gesang. Vielleicht war ich für den zu müde?

Viaggio nella dopo-storia | Journey into Post-History @ Kino Arsenal
File under: Italien

Basierend auf dem Film “Viaggio in Italia” von Roberto Rosselini aus dem Jahr 1953. Keine Kopie, sondern eine Ehrerbietung, gespielt von einem alten schwulen Ehepaar, das auf der Reise merkt, dass man nur 20 Jahre verheiratet war, weil man nie alleine war, im Gegensatz zu dieser Reise. Die Meta-Ebene des Films wurde gekonnt in den Film verwoben, es ging auch ums Kino, um das Urheberrecht, um Rosselini. Intelligent gemachtes Kino. Ein Lehrstück, das einem auch gleich noch Rosselini näher gebracht hat. Unbedingt merken: bei der nächsten Question & Answer Runde irgendwas von einem Workshop erzählen und dann die eigentliche Frage stellen.

Publikumssonntag:

Superwelt | Superworld @ Cinestar
File under: Österreich und Gott

Die Österreicher könnens (Klischee). Bester Film des Festivals für mich. Ein Ehepaar ohne Beziehung, ein Mann der seine Frau nicht mehr versteht, die sich auf eine Reise durch ihren Geist zum heiligen Geist begibt. Vielleicht ist es auch der Wahnsinn. Wenn das Brummen des Kühlschranks doch auch vielleicht eine Aussage hat. Guckenswert, empfehlenswert. Bisher war jeder Film am Publikumssonntag um 11 Uhr ein Knaller.

Al bahr min ouaraikoum | The Sea is Behind @ Cinestar
File under: Marokko

Ein Höllenritt, eine Qual. Marokko und die Fragen nach Gerechtigkeit, Homosexualität und -phobie, die Sozialgeächteten, der Umgang mit Tieren und zwischen den Männern. Der Staat in der Form eines Polizisten der sich an allem bedient und erniedrigt. Gefühlskälte auf Seiten der Täter und Opfer. Und wie steht man eigentlich zu Schächtungen? Bloß schnell zum nächsten Film.

Aferim! @ Haus der Berliner Festspiele
File under: Osteuropäischer Western

Noch mehr Schwarz/Weiß. Prämiert mit einem Preis für die beste Regie. Spielt um 1850, als Zigeuner noch Zigeuner und Sklaven waren, die Juden schon damals von allen gehasst wurden und man seine Wege per Pferd zurücklegte.
So deutlich offen ausgesprochener Rassismus ist heute kaum mehr vorstellbar. Zeigt aber ganz gut, wie tief diese Vorurteile gegenüber allen in dem Menschen drin stecken und von Generation zu Generation weitergereicht wurden. Und wenn bestimmte Rassen doch eher nur 5 statt 10 Taler wert sind, je nach Aussehen des “Gebisses”. Letztlich wurde in den zwei Stunden, die der Film dauert, ein zweistündiger Dialog geführt, manchmal aber auch eher ein Monolog, der Sohn als wissbegieriger Nachkömmling. Das war durchaus zäh, aber teilweise tätsächlich aus alten Schriften so überliefert, was dem ganzen dann wieder eine andere Note gibt.

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